An mehreren Stellen im Missionsmuseum sind Objekte zu finden, hinter denen sich schöne, beeindruckende oder spannende Geschichten verbergen. So auch hinter diesem Stich, der etwas unauffällig am Ende einer Wand in der Indien-Vitrine ausgestellt ist.
Dieser Druck zeigt eine dramatische Szene aus dem Epos „Ramayana“, das von Prinz Rama, seinem Bruder Lakshmana und Ramas Frau Sita handelt. Als sie vom Dämonenkönig Ravana entführt wird, hilft Hanuman, die Figur auf dem Druck, bei der Suche nach ihr und ihrer Befreiung. Hanuman ist ein treuer Verbündeter Ramas und wird als Affengeneral dargestellt, mit einem menschlichen Körper, einem Affenkopf und einem Affenschwanz.
Während des Kampfes mit dem Dämonenkönig wird Ramas Bruder schwer verletzt. Um Lakshmana zu retten, wird ein Heilkraut benötigt, das nur auf einem Berg im Himalaya wächst. Hanuman erhält den Auftrag, das Kraut zu holen. Da er das richtige Kraut nicht erkennen kann und die Zeit drängt, reißt er den ganzen Berg aus dem Boden und fliegt damit zurück zum Schlachtfeld. So kann Lakshmana gerettet werden. Diese epische Geschichte unterstreicht verschiedene Eigenschaften, mit denen Hanuman in Verbindung gebracht wird: außergewöhnliche Kraft, Mut, Loyalität und Bhakti – hingebungsvolle Liebe zu einer Gottheit. Eine ähnliche Darstellung von Hanuman befindet sich in der Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York.
Verbreitung religiöser Darstellungen
Neben der erzählten Geschichte ist dieser Druck aus der Sammlung des Missionsmuseums auch deshalb interessant, weil er Aufschluss darüber gibt, wie religiöse Darstellungen im modernen Indien hergestellt und verbreitet wurden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichten neue Drucktechniken die Herstellung von Darstellungen (hinduistischer Götter) in großen Auflagen und zu relativ geringen Kosten. Religiöse Darstellungen existierten nicht mehr nur als Gemälde, Skulpturen oder andere Formen der Tempelkunst, sondern konnten als Druck auch im häuslichen Umfeld platziert werden.
Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Indien ein umfangreicher Markt für gedruckte Darstellungen von Göttern, Göttinnen und Szenen aus religiösen Erzählungen. So wurden Drucke zu einem Bestandteil der religiösen Bildkultur außerhalb des Tempels. Auch in europäischen Museumssammlungen sind viele Beispiele dieser Druckkultur gelandet
Vom religiösen Bild zum Museumsobjekt
Der Hanuman-Druck im Missionsmuseum erzählt somit mehrere Geschichten zugleich. In erster Linie die von Hanuman selbst: einer Gottheit, die im Ramayana als Symbol für Kraft und bedingungslose Hingabe an Rama steht. Darüber hinaus zeigt der Druck, wie religiöse Darstellungen durch moderne Drucktechniken Teil einer immer breiteren kommerziellen Bildkultur in Indien wurden.
Sobald der Druck in die Vitrine kam, erhielt er einen neuen Kontext. Dieses Objekt wurde nämlich Teil einer Sammlung, die Besuchern und angehenden Missionaren Religionen und Kulturen außerhalb Europas näherbringen sollte. Neben seiner Funktion als religiöses Bild
erhielt der Druck die Rolle von Lehrmaterial. Nicht zuletzt diese Veränderung macht dieses Objekt interessant. Der Druck vermittelt uns Erkenntnisse über den Hinduismus und darüber, wie religiöse Bilder in Indien hergestellt und verwendet wurden, aber auch über die europäische Perspektive, aus der heraus solche Objekte gesammelt und anschließend in einem Museum präsentiert wurden.
Unter anderem mit Dank an Jasper Sijben
Foto: Bart Beurskens